La Bohème. Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts

Am Anfang war das Bild, genauer: Eine Fotografie, datiert auf das Jahr 1875. Sie zeigt den Künstler Franz von Lenbach im Kreise einiger Freunde, seltsam verschränkt und verrenkt im Sande Ägyptens liegend. So ist das wohl, wenn Künstler reisen und sich dabei fotografieren lassen - das Ergebnis sieht gänzlich anders aus als etwa eine bürgerliche Ferien-Erinnerung jener Zeit. Aber - warum ist das so? Eine Fotografie und eine Frage, zu der sich immer mehr gesellen. Für Bodo von Dewitz, Kurator und Leiter des Agfa Foto-Historama am Kölner Museum Ludwig, Anstoß für ein neues, umfassendes Projekt zur Kulturgeschichte der Fotografie: (…) “La Bohème - Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts”. Die sehens- und lesenswerten Ergebnisse dieser spannenden Exkursion in die Frühzeit der Fotografie samt Promenade über die schillernden Boulevards der Bohème liegen nun als voluminöser Prachtband vor. Ein vielschichtiges Werk, das ebenso erheitert wie erhellt.
Schließlich glich das Künstlerleben seinerzeit nicht dem sorglosen Flanieren. Zwar erstritt die Französische Revolution auch Kunstschaffenden die ersehnte Unabhängigkeit, doch sahen sich viele von ihnen - vormals im Dienst von Hof, Adel und Klerus - unvermittelt auf einen freien Markt gestoßen, auf dem sie sich behaupten mussten. Entsprechend zeichnete der französische Schriftsteller Henri Murger in seinem Roman “Scènes de la vie de bohème” (1851) ein Bild des Künstlers als Genie und Hungerleider, als anarchischer Geselle, der mit Konventionen bricht und jedem Anflug spießiger Bürgerlichkeit vehement Paroli bietet. Ein Mythos war geboren, ein Topos, dem sich auch Puccini in seiner Opern-Adaption annahm, um schließlich die Wahrnehmung des Künstlers als Außenseiterexistenz in romantischer Armut weiter und wirkungsvoll zu verklären. (…)

Rüdiger Müller über Bodo von Dewitz (Hrsg.): La Bohème. Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts, Steidl Verlag, Göttingen 2010

Auszug aus einer Buchbesprechung, erschienen im Geschichte in Köln, Heft 57/2010, Seite 260 - 261