Manhattan Picture Worlds
Ein bitterkalter Wintertag. Downtown Manhattan. Einer, an dem man sich die Mütze tief ins Gesicht zieht. Nur ein junges Pärchen trotzt den eisigen Minusgraden. Mit nichts am Leib als einem Hauch Designer-Unterwäsche räkelt es sich für alle sichtbar in der Öffentlichkeit. Ein schwüler Sommertag, ein paar Häuserblöcke weiter: Wieder ein Paar, das in einem seltsamen Fahrzeug, einer Mischung aus Raumgleiter und Autoscooter, der New Yorker Rush Hour entschwebt. Dann die Dame mit der Rokoko-Perücke, überdimensioniert und pink gepudert. Wenig später: Ein Läufer erklimmt mit beherztem Schritt gleich mehrere Stockwerke an der Giebelwand eines Hauses, über einer Autowerkstatt zieht ein Schwimmer seine Bahnen und King Kong erobert sich Fassaden füllend die Stadt zurück.
In dem Band Manhattan Picture Worlds mit den aktuellen Arbeiten des Fotografen Thomas Wrede, tun sich manchmal absurde, manchmal schon surreale Bilderwelten auf. Über einen Zeitraum von fünf Jahren streifte Wrede mit seiner Kamera durch das Gewimmel der Riesenstadt. Die Objekte seiner Begierde sind schwerlich zu übersehen: New York Billboards, jene monströsen Plakatwände, die ganze Straßenzüge der amerikanischen Metropole dominieren.
Die sind bei weitem keine Erfindung der Neuzeit, denn in New York, seit jeher Dreh- und Angelpunkt von Werbung und Handel, schossen bereits ab dem 19. Jahrhundert mit den Häusern auch die Werbeflächen in den Himmel. Wer schließlich in punkto Aufmerksamkeit mit der gigantomanen Architektur des Big Apple Schritt halten will, muß zwangläufig in Übergrößen denken. Wenn der Science Fiction-Autor H. G. Wells angesichts des New Yorker Stadtbildes von Wolkenkratzern spricht, die Verpackungskartons gleichen, sind die bunten Werbetafeln für viele wohl schmückendes Dekor eher trister Kartonagen. Für andere ein wahres Ärgernis. In der Neuen Welt als auch diesseits des großen Teiches, wo die Reklame damals noch vergleichsweise zurückhaltend daherkommt, wächst die Kritik (…)
Rüdiger Müller über Thomas Wrede: Manhattan Picture Worlds, Bielefeld, Leipzig 2009
Auszug aus einer Buchbesprechung, erschienen im Journal für Kunstgeschichte 13, Heft 3/2009, Seite 190 - 193