NATURE ONE

Fotografien von Rüdiger Müller

Zur Ausstellung im Haus der Regionalen Geschichte Unterburg Kastellaun

Eine Einführung in die Ausstellung von Dorothée Henschel M.A., Stadtmuseum Simeonstift Trier


Das Musikfestival „Nature One“, nach dem die Foto-Serie benannt wurde, ist das größte europäische Festival elektronischer Tanzmusik. Die erste Ausgabe fand im Jahre 1995 statt, seit 1996 auf der ehemaligen Raktenbasis Pydna, ganz hier in der Nähe. Die erste Nature One wurde noch auf dem Gelände des Flughafens Frankfurt-Hahn abgehalten. Veranstalter ist die I-Motion GmbH aus Mülheim-Kärlich bei Koblenz.

Das Festival dauert zwei Tage und Nächte, meist am ersten Augustwochenende. Es handelt sich um ein Freiluft-Rave mit internationalen DJs. Ähnlich anderer großer Festivals wie Rock am Ring reisen viele Fans bereits mehrere Tage im Voraus an und bilden auf ca. 100 Hektar Ackerfläche eine riesige Zeltstadt.

Das Festival findet auf einem geschichtlich und architektonisch außergewöhnlichen Gelände statt, welches auch für die Fotografien von Rüdiger Müller eine wichtige Rolle spielt. Durch aufwändiges Lichtdesign ist das Festival weithin sichtbar. Die Lightshow arbeitet vorwiegend mit Laser- und LED-Technik, welche jedes Jahr für die vier großen Hauptbereiche komplett neu gestaltet wird. Zudem findet stets ein großes Feuerwerk, begleitet von der Festivalhymne statt. Licht und Musik verleihen dem ehemaligen militärischen Gelände eine beinahe unwirkliche Atmosphäre.

Die Nature One versammelt unter ihrem Dach verschiedene Musikrichtungen der elektronischen Musik und schafft es diese über zwei Tage zu vereinen, statt Gräben zu schlagen. Wichtigster Kernpunkt ist laut Veranstalter jedes Jahr aufs Neue der Zusammenhalt der Anhänger.

Die Veranstalter sehen in ihrem Festival jedoch nicht nur einen Ort des friedlichen Miteinanders unter Musikfreunden, sondern im Wandel von der US-Atomraketenbasis in ein Musikfestival auch ein Symbol. Früher seien hier Atomraketen stationiert gewesen, die im Ernstfall Tod und Verderben gebracht hätten, heute sei die Message die der „wohl friedlichsten Musikkultur aller Zeiten“. Außerdem sei Techno zu einer Zeit entstanden, als der Kalte Krieg beendet worden sei und sei ein Symbol für den Abzug der Atomraketen und das Ende der Bipolaren Welt.

Die Veranstalter bezeichnen das Feuerwerk der „Nature One“ gar als „Ein Leuchtfeuer für Frieden und Toleranz.“ Zwar mag diese Betrachtungsweise etwas einseitig und sicherlich auch etwas pathetisch anmuten, doch lässt sich die Verwandlung eines Ortes des kalten Krieges in ein Festivalgelände durchaus als symbolträchtig bezeichnen.


Pydna

Historisch betrachtet ist die Pydna ein eindringliches Symbol des Kalten Kriegs im Hunsrück. Auf dem Gelände der Pydna sollten ab 1986 / 1987 als Folge des NATO-Doppelbeschlusses 96, mit nuklearen Sprengköpfen ausgerüstete Bomben gelagert wurden.

Der Stationierungsbereich im Hunsrück wurde in Abstimmung mit der NATO 1978/79 durch die Bundesregierung festgelegt. Gründe für die Auswahl des Geländes waren: dass hier schon einmal Mittelstreckenraketen stationiert waren, dass das Gelände weitgehend im Besitz des Landes war und Enteignungen vermieden werden konnten, schließlich der nahe gelegene Militärflughafen Hahn, der gute Möglichkeiten zur Versorgung mit Feuerwehr und Rettungsdienst bot.

Militärisches Kalkül zieht folgerichtig diese Anlagen für den Warschauer Pakt als mögliche Ziele, sogenannte „Targets“ heran. Aus dieser Befürchtung heraus formierte sich eine Friedensbewegung, an deren Spitze neben anderen der evangelische Pfarrer August Dahl stand. Ab Mai 1985 wurde eine Dauermahnwache an der Hunsrückhöhenstraße bei der Abfahrt zur Pydna eingerichtet. Täglich von 16:00 bis 17:30 Uhr demonstrierten Aktivisten mit einem Transparent „Hier wird Krieg vorbereitet“.

Auf dem Beller Marktplatzgelände fand am 11. Oktober 1986 die wohl größte bekannte Demonstration der Hunsrücker Geschichte statt. Rund 200.000 Menschen, davon etwa 10.000 aus dem Hunsrück, protestierten gegen die Stationierung der Raketen. Am 1. Dezember 1987 unterzeichnen Ronald Reagan und Michael Gorbatschow den INF-Vertrag, in dem sich die USA und die UdSSR verpflichten, alle europäischen Mittelstreckenraketen zu verschrotten. Ende der 1980er Jahre wurde auch das Gelände der Pydna aufgegeben auf Grund der allgemeinen Entspannung. Fast zeitgleich wurde der nahe Militärflughafen Hahn geräumt. Am 22. August 1990 wurde die 38. taktische Flugkörperstaffel offiziell aufgelöst. Die Raketenzeit auf dem Hunsrück endete am 31. August 1993 mit der Übernahme der Liegenschaften durch die Standortverwaltung Kastellaun.

Bei der Konversion des Geländes in den 90er Jahren galt es einige Schlagworte zu respektieren. Zum einen sollte der „Ernst der Situation“ gewahrt werden, also die historische Bedeutung des Ortes nicht in Vergessenheit geraten, durch die Umnutzung sollte auch die Authentizität des Ortes wiederhergestellt werden, es sollten fruchtbare Gegensätze geschaffen werden, die zur Reflexion anregen und Spannung erzeugen. Damit entsteht auch Aufmerksamkeit und es sollte möglich sein „Durch die Zeit zu gehen“, also die Geschichte zu erleben.

Dem Besucher und Nutzer des Geländes soll die Möglichkeit zur Besinnung und Begegnung, zu Bildung und Kultur, und zu Freizeit und Erholung gegeben werden.

Das Gelände wurde zu diesem Zweck unter denkmalschützerischen Gesichtspunkten betrachtete, wobei sein Zustand eines Fremdkörpers in der agrarischen Kulturlandschaft des Hunsrücks stark zu Tage trat. Doch gerade diese Gegensätzlichkeit zwischen Natur- und Kulturlandschaft und militärischem Relikt aus der Zeit des kalten Krieges, der Auswirkungen weit über die nationalen und regionalen Grenzen hinaus hatte macht die Anlage interessant.


„Nature One“ …

Eben diese Gegensätzlichkeit fasziniert Rüdiger Müller in seiner Serie „Nature One“. Aber zunächst möchte ich Sie bitten: Stellen Sie sich einmal das größte Festival europäischer elektronischer Musik bildlich und akustisch vor. Was sehen Sie?

Welche Assoziationen tauchen vor ihrem inneren Auge auf: Wahrscheinlich grelles, stoposkospisch flackerndes Neonlicht, laute Musik, viel Bass, schnelle, stakkatoartige Rhythmen, die sich auf den eigenen Herzschlag übertragen, viele sich im Rhythmus der Musik bewegende Körper, Hitze. Die traditionelle Festivalfotografie lässt Bilder von glücklichen Ravern, die für die Kamera und den Fotografen posieren erwarten. Bilder von sich im grellen Licht bewegenden Massen, DJs im Spotlight an den Plattentellern, Tanz und Ekstase.

Rüdiger Müller geht in seinen Arbeiten anders vor. Zwar zeigen Müllers Fotografien auch die Raver und die Lightshow, jedoch spielt er mit Kontrasten und mit den Erwartungen des Betrachters. Diese Erwartungen werden jedoch nicht in klassischer Weise erfüllt. Müller verleiht der Nature One ein eigenes, ihrem Ort, Motto und historischen Hintergrund angemessenes Gesicht.

Ihn interessieren die Gegensätze und das Zusammenspiel zwischen Natur, Landschaft, Architektur, und dem Treiben des Musikfestivals und vor allem die Gegensätze zwischen friedlichem Freizeitvergnügen und militärischem Background des Schauplatzes.

 Während der „Nature One“ 2008 mit dem Motto “Wake Up In Yellow“, die von 58.000 Musikfans besucht wurde, schlug sich der Kölner Autor und Fotograf eine Nacht um die Ohren um das Phänomen „Nature One“ in unerwarteten Fotografien einzufangen.

Er lässt sich als Besucher des Festivals und als Fotograf über das Gelände treiben. Er erlebt die Musik, die Hitze und die Stimmung mit den versammelten Musikliebhabern. Und dabei steht er bei diesem Unterfangen nicht als verstörter Beobachter am Rande der Veranstaltung, sondern ist Teil des Festivals. Als Fan der elektronischen Musik ist Müller mit dem Genre vertraut und lässt sich nicht durch den ersten, für Außenstehende oft verschreckenden Eindruck in seiner künstlerischen Arbeit beeindrucken. Er kennt das Festival, kennt die Abläufe und hat so die Zeit sich den Details zu widmen. Müller erkennt die besonderen Orte und Momente des Festivals und spürt so die leisen Zwischentöne des Massenevents auf.

Wie ein stiller Beobachter mit Insiderblick fängt Müller diese besonderen Momente im Foto ein. Er versucht nicht, die Nacht zu dokumentieren und eine Reportageserie zu erstellen, er lässt den Betrachter als Fotograf und Fan an seinen Erlebnissen teilhaben. Sein Erleben der Nature One beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Musik und das Festival, sondern bezieht die Geschichte und Bedeutung des Ortes der Pydna mit ein. Die Tatsache, dass das Festival auf diesem für die jüngere Vergangenheit symbolischen Gelände stattfindet, macht es für den Fotografen und Künstler Rüdiger Müller interessant und bildwürdig. Das Zusammenspiel von Architektur, Geschichte, Menschen und Musik hat für Müller eine starke, symbolische, künstlerische Aussage. Und diese Beschäftigung auf künstlerischer Ebene hebt die Arbeiten Müllers von der klassischen Reportagefotografie ab. Die Aussage und Funktion seiner Fotografien geht weit über die Dokumentation hinaus.

Rüdiger Müller stellt den Fotografien in seinem 2009 veröffentlichten Fotobuch folgende Sätze voran:

 „heute ist der kalte krieg vergangenheit. die bunkeranlagen stehen noch immer. im manchmal verwirrenden, manchmal reizvollen kontrast zur friedlichen sache, der musik.“ Seine Fotografie beschreibt er folgendermaßen: „Keine Festival-Fotografie im klassischen Sinne – so wie die „Nature One“ auch kein Festival wie jedes andere ist.

Die Beschäftigung mit dem historischen Ort des kalten Krieges und dem heute dort stattfindenden Festival kann somit als Hauptthema der Serie gelten, jedoch wie Müller schreibt nicht auf der Ebene der Reportagefotografie, sondern als Kunst. Und Rüdiger Müllers Fotografien zur Nature One werden diesem Anspruch Kunst zu sein auf eindrucksvolle Weise gerecht.

 Die Serie ist eine spannungs- und kontrastreiche Zusammenstellung aus Porträts, Landschafts- und reinen Architekturfotografien in Schwarz-Weiß und Farbfotografien des musikalischen Treibens. Diese Zusammenstellung erzeugt scheinbar einen fließenden Übergang zwischen Reportage- und Kunstfotografie. So wirken die Fotografien Müllers in keinem Fall gestellt, meist hat man den Eindruck, dass sie in einem unbeobachteten Moment, beinahe als Schnappschuss entstanden sind. Einem Besucher des Festivals ähnlich, der seine eigenen Eindrücke in Amateuraufnahmen festhält. Schnell wird bei der Betrachtung jedoch deutlich, wie gekonnt die Aufnahmen konstruiert sind, wie sicher der fotografische Blick Müllers genau den richtigen Ausschnitt erfasst und im Bild festhält. Die Bilder erscheinen in einer in sich ausgewogenen, harmonischen Komposition, die nur dem geübten Auge des Künstlers gelingt.

Die Fotos zeigen Aufnahmen des Festivals in Schwarz-weiß, ähnliche Motive tauchen gleichzeitig aber auch in Farbe auf. Jedoch nicht aus der gleichen Perspektive, sondern aus leicht verändertem Standpunkt mit einem anderen Ausschnitt.

So auch das Titelfoto des Ausstellungsflyers und des Plakates.

Hauptmotiv ist das ausgestellte Flugzeug, das durch Betonpoller abgegrenzt wird, mit einem Plakat des Festivals beklebt ist und unter dem sich die Raver am Morgen nach der Party ausruhen. Die Hauptperson ist ein junger Mann, der an einem Poller lehnt und natürlich das Relikt der Militärbasis, das Flugzeug auf einem Sockel. Der Jet wird, einem Ausstellungsstück gleich präsentiert und als historisches Relikt auf einen Sockel gehoben. Hier treffen das friedliche Ereignis der Nature One, die europaweit Menschen zusammenführt und die militärische Vergangenheit in einem Bild zusammen, sie sind sich sozusagen im Bild gegenübergestellt. Die Rakete schwebt über den Menschen, doch nicht wie eine Bedrohung, sondern einem Mahnmal gleich. Ein Anstoß, die Geschichte nicht zu sehr in Vergessenheit geraten zu lassen, auch wenn dieser Ort des Krieges zur Zeit auf andere, friedliche Art und Weise genutzt wird.

Bei dieser Aufnahme handelt es sich um die einzige, die konkret die militärische Vergangenheit des Ortes ins Bild setzt. Die anderen Fotografien, die die Innenräume der Militärbasis, der Hangars und Hallen zeigen, könnten jede andere Industrieanlage abbilden. Das erste Bild verortet die Serie jedoch in den konkreten Zusammenhang mit einem Schauplatz des Kalten Krieges. Einmal gesehen vergisst man nicht, wo das Festival stattfindet. Der Gedanke daran schwebt stets im Hintergrund, wenn man die Arbeiten betrachtet. Die Raketenbasis steht jedoch nicht im Vordergrund der Fotografien. Der Umgang mit der Vergangenheit und die Veränderung eines bislang militärisch geprägten Ortes durch eine Veranstaltung wie der Nature One sind das eigentliche Thema der Fotos.

 Man kann sich hier Rüdiger Müller bildlich vorstellen, wie er das Motiv mit seiner Kamera umkreist und aus den unterschiedlichsten Positionen aufnimmt. So nähert er sich fotografisch dem Ort und dem Motiv an. Die Entscheidung für Schwarz-Weiß oder Farbe entsteht dann wohl erst im Nachhinein in der Zusammenstellung der Serie.

Ähnlich setzt er sich auch mit einem anderen Sujet des Festivals auseinander: nämlich mit dem Motiv des Lichtes.

Licht spielt bei Müller eine wichtige Rolle. Besonders oft rückt er Lichteffekte in den Fokus, die als helle Linien Bewegung in die ansonsten oft statisch konstruierten Bilder geben. Zusätzlich arbeitet Müller häufig mit einer Bewegungsunschärfe im Hintergrund, von der sich Personen oder die Architektur im Vordergrund als scharfe Konturen abheben. Müller arbeitet unter anderem auch mit Doppelbelichtungen, die die bewegte, lebhafte Atmosphäre unterstützen. Durch diese Elemente erzielt Müller in den Aufnahmen eine unwirkliche, surreale Atmosphäre, die den Betrachter in Bezug auf die Raumsituation oft in Unwissenheit lässt. Kräftige Neonfarben, nachträglich in die Schwarz-Weiß-Aufnahmen eingesetzt, sind bei ihm oft das eigentliche Hauptmotiv der Aufnahmen. Bilder, wie sie auch beim realen Festivalbesuch entstehen können. Die grelle Lichtshow hinterlässt oft beinahe nachbildartige Eindrücke auf der Netzhaut des Betrachters. Oft ist außer Schemen, Umrissen und Farbflecken nicht viel zu erkennen. Diese subjektiven Sinneseindrücke bildet Müller in seinen Aufnahmen ab.

Neben dem Licht thematisiert Müller zudem die Technik des Massenevents. Diese Technik der LED-Projektionsflächen und Großleinwände taucht jedoch meist nur in Abstraktion in den Fotografien auf.

Die Abstraktion führt beim Betrachter zu einem atmosphärischen, sinnlichen Erleben des Festivals. Die häufig stark verfremdeten Motive verunsichern den Betrachter. Gegenstände, Architekturteile, Pfalzen und Menschen werden zu Schemen reduziert und schweben oft im leeren, dunklen Raum.

Diese Orientierungslosigkeit und Enträumlichung der Szene verunsichert den Betrachter, er wird zum Nachdenken anregt. Ein Nachdenken über den Ort, an dem das Festival stattfindet, der jedoch auf den meisten Fotografien nicht eindeutig zu erkennen ist. Der ehemalige Ort der Raketenbasis ist ein anderer als der heutige Schauplatz der „Nature One“, doch ist die Vergangenheit noch immer präsent.

Die Aufnahmen der Raver unterscheiden sich, wie bereits erwähnt von der klassischen Festivalfotografie. Die Personen posieren nicht vor der Kamera und sie scheinen in einem unbemerkten Moment aufgenommen zu sein. Auffällig ist, dass in Gruppen unter den einzelnen Personen wenig bis keine Kommunikation stattfindet. Das „völkerverbindende Festival“, wie es beschrieben wird, erscheit hier vielmehr als Ansammlung vieler Individuen, die gemeinsam an einem Ort feiern. Müller stellt Individuen auf einem Massenereignis dar. Bilder auf denen mehrere Personen dargestellt sind, sind bei ihm aber keine klassischen Gruppenporträts. Auf diesen Aufnahmen wirkt meist eine der Personen wie die eigentliche Hauptperson, die anderen bilden den Hintergrund. Die Hauptperson posiert jedoch auch nicht, auch sie schein unbemerkt fotografiert zu sein. Die abgebildeten Fans scheinen in eine andere Welt abgetaucht zu sein, der Wirklichkeit entrückt, dem Ort in seiner unwirklichen Atmosphäre ähnlich, die durch Lichteffekte und starke Kontraste noch verstärkt wird. Die Fotografien des Festivals erinnern darin entfernt an Fotos von Tobias Zielony. Zielony beschäftigt sich zwar mit Straßenkindern, doch verwendet er eine ähnliche Bildsprache wie Rüdiger Müller. Er ist Beobachter einer Jugendkultur, ohne als Außenstehender zu wirken. Seine Fotos passen nicht in den klassischen Bildjournalismus, sondern sind künstlerische Fotografien, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzten, ohne dabei eine geschlossene Story zu erzählen.

 Ähnlich geht Rüdiger Müller vor. Zwar lässt sich im Fotobuch und auch in der Ausstellung der Fotografien eine zeitliche Abfolge erkennen, so endet das Fotobuch mit erschöpften Ravern und Fotografien der Autostädte, die den Musikfreunden als Schlafplätze dienen, jedoch folgt die Serie keinem stringenten narrativen Faden.

Müller versucht vielmehr mit seinen Fotografien sein Erleben dieser einen Nacht einzufangen und eine Stimmung, nämlich seine subjektive Stimmung einzufangen. Der Betrachter kann dem Fotograf auf seiner Reise durch die Nacht folgen, in Betrachtung der Fotografien wird Müllers subjektives Erleben des Festivals lebendig. Diese atmosphärische Vermittlung gelingt Müller bereits im einzelnen Foto, durch die bereits erwähnten künstlerischen Stilmittel wie Unschärfe oder das Spiel mit Kontrasten, noch intensiver wird dies jedoch durch die Serialität erlebbar.

Einige Fotografien nehmen unmittelbar Bezug auf die vorangegangenen, andere stehen isoliert in der Abfolge. Müller ordnet seine Aufnahmen nicht nach Motiv oder Genre, es folgen also nicht alle Architekturfotografien und –details und danach alle Porträts aufeinander. Der permanente Wechsel der Motive und Genres in der Abfolge erzeugt beim Betrachter ein Gefühl von Dynamik, Unsicherheit, Verwirrung und beinahe rauschähnlichen Zuständen, sodass die Atmosphäre des Festivals in der Betrachtung der Fotos erlebbar/spürbar wird.

Und so halten überraschende Aufnahmen und sehr persönliche Beobachtungen des Fotografen Einzug in die Serie, Momente die Müller mit dem Betrachter der Arbeiten teilt. Eine Aufnahme zeigt am Ende eines sterilen Betonganges den Ausblick auf das erste Licht des Morgenhimmels. Am Ende des in unwirtlichem Grau-Grün gehaltenen Ganges erscheint das Blau der Wolken wie ein Bild aus einer parallelen, weit vom nächtlichen Ereignis entfernten Welt. Es sind diese ruhigen, kontemplativen Aufnahmen, die den Betrachter zum Nachdenken anregen. Die Aufnahme erinnert mich persönlich an die sogenannte „Blaue Stunde“, den Moment am frühen Morgen, in dem das Licht ganz blau wird und die Natur in absoluter Ruhe daliegt. Während dieser Zeit besitzt das tiefblaue Sonnenlicht in etwa dieselbe Helligkeit wie das künstliche Licht von Gebäude- und Straßenbeleuchtungen, der Himmel erscheint besonders blau und das Licht von Glühbirnen erscheint intensiver Orange, das von Neonröhren intensiver Türkis. Der Blauen Stunde am Morgen wird auch nachgesagt, das dies die Zeit am Tage sei, an der die Natur in vollkommener Stille daliegt. Aus diesem Grund hat die Fotografie Müllers am Morgen der Nature One einen beinahe surrealen Charakter. Die Stille, die menschenleere Landschaft und die verlassen daliegende Betonunterführung scheinen nicht zum Bild der lauten, hektischen Massenveranstaltung zu passen und doch gibt es diese Momente und Rüdiger Müller hat sie gefunden und festgehalten.

Was in den Aufnahmen Müllers fehlt, bzw. ausgeschlossen wird ist das Geräusch. So kann der Betrachter zwar die unterschiedlichsten Sinneseindrücke wie Licht, Bewegung, Vibration und Hitze beinahe körperlich wahrnehmen, über den Fotografien liegt jedoch immer eine tiefe Stille. Diese Stille bewirkt eine beinahe kontemplative Stimmung, die den Betrachter nachdenklich stimmt. Und so fordert Müller nicht mit erhobenem pädagogischem Zeigefinger die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, sondern gelingt ihm dies auf sehr subtile Weise. Durch die Arbeiten wird der Betrachter von selbst zum nachdenklichen Beobachter, dem die Besonderheit des Ortes und es dort stattfindenden friedlichen Ereignisses bewusst wird.

Das Wechselspiel zwischen ruhigen, kontemplativen Bildern und der durch die einzelnen Fotografien und die Serie erzeugte Eindruck von Bewegung, Schwingung und Leben kann auch auf die Veränderungen des Ortes und seine bewegte Geschichte übertragen werden. Die Geschichte bewirkt Veränderungen, die jedoch nicht in Vergessenheit geraten sollen. Und so wie das Flugzeug im Titelfoto des Flyers über den Besuchern des Festivals schwebt, so lag über dem Hunsrück zur Zeit des Kalten Krieges eine permanente Bedrohung. So fotografiert Müller zwar das Festival und nur selten konkret den Ort des Kalten Krieges, doch bleibt dieser Aspekt stets präsent. So steht zwar das Leben und die friedliche Gegenwart im Zentrum, die Vergangenheit soll jedoch nicht in Vergessenheit geraten.

In der Betrachtung der Arbeiten wird also schnell deutlich, dass es Müller um mehr geht als um die Nature One. Hier wird nicht das Festival dokumentiert, sondern in einer ausdrucksstarken künstlerischen Position die Atmosphäre und die Vergangenheit des Ortes eingefangen. Hier geht es um die Beschäftigung mit einer nur wenige Jahrzehnte zurückliegenden Geschichte, die in unserem Alltag jedoch allzu häufig in den Hintergrund tritt. Die Arbeiten verbinden die Gegenwart mit der Vergangenheit, thematisieren unseren Umgang mit dieser und regen an zum Nachdenken über unseren eigenen, persönlichen Umgang mit der jüngeren Geschichte.